«Ist dies der richtige Fußweg nach der Erde?»
Spitteler-Stadtrundgang durch Liestal

In Spittelers Epos ‹OIympischer Frühling› wagt sich die vorwitzige Göttin Aphrodite verbotenerweise vom Olymp auf die Erde hinab. Sie kommt in «ein harmlos Städtlein hügelkranzumkettet», das Liestal erstaunlich ähnlich ist, und richtet dort ein gehöriges Chaos an.

Wandeln auch Sie auf den Spuren des grossen Dichters und einzigen gebürtigen Schweizer Literaturnobelpreisträgers durch seine Heimatstadt. Der Spitteler-Stadtrundgang des Dichter- und Stadtmuseums zur Jubiläumsausstellung ‹Poesie und Politik› führt in ca. 45–60 Minuten über acht Stationen zu den wichtigsten Erinnerungsorten an den Dichter.

Den Flyer zum Stadtrundgang mit der Karte aller Stationen erhalten Sie am Ende des Ausstellungsbesuchs.Die Texte zu jeder Station sind hier, auf der App ‹Actionbound› oder als Textdossier zum Ausleihen an der Museumskasse erhältlich.

 

Station 1: ‹Meine frühesten Erlebnisse›.

«Mein Vater wohnte in einem Anbau der Brauerei Gebrüder Brodbeck vor dem Obern Tor zur Miete. Im ersten Stock hatte er seine Familie – dort bin ich geboren –, im Erdgeschoß seine Kanzlei, zuerst als Statthalter (préfet), hierauf als Landschreiber (Kanzler). […]

Sobald ich mich auf meinen Beinen leidlich sicher fühlte, geriet ich so natürlich aus der Wohnstube ins Freie hinunter wie ein flügger Sperling aus dem Nest. Unten befand ich mich im Reiche meiner Großeltern, denn alles weit und breit war Eigentum des Großvaters und seines Bruders, des ‹Götti›. Die beiden Brüder waren über Tag meistens abwesend, der Götti, der Bierbrauer, mit seinen Knechten im Brauhause, der Großvater, der Gärtner und Landbauer, auf dem Felde. […] Vorn hinaus auf die Straße mich zu vergehen, war strengstens untersagt. Mit Recht, denn zu viele Fuhrwerke machten damals, wo es noch keine Eisenbahn gab und der Verkehr von Basel nach der Innenschweiz am Hause vorbeiführte, die Straße unsicher. […] Links ging es zum Kegelplatz und Garten, rechts zu dem nichts weniger als lieblichen Hinterhause der Wirtschaft ‹Zur Kanonenkugel›. Der sonderbare Name wollte daran erinnern, daß vom Überfall der Basler her noch eine Kanonenkugel in der Mauer steckte. […] So verblieb als Hauptbühne zur Verlustigung der Kegelplatz und der freie Raum daneben. Dort stolzierte ich herum, einen zweispitzigen Obersthut auf dem Kopfe, den mir die Großmutter aus Zeitungspapier zurechtgefaltet hatte. […] Kamen Nachbarskinder zu Gast, wurde mit kriegerischen Gesängen in Reih und Glied marschiert. […] Das Ende des Kriegsspiels war meistens eine gewisse Enttäuschung. Ich beobachtete nämlich gar wohl, daß die Leute, die auf der Straße vorbeizogen, meinen stolzen Obersthut nicht ernst nahmen, wie keck ich auch marschierte und krähte. […]

Der Götti, der Bierbrauer, hatte im alten Hause der Brauerei ein Wirtsstübchen eingerichtet, unten an der Straße. […] In früheren Zeiten, in der Kindheit meiner Mutter, war es in dieser Wirtsstube kriegerisch hergegangen, es war ein Revolutionsstübchen. Eines Morgens kehrten die Basler mit Trommeln und Trompeten, Flinten und Säbeln bei der Großmutter ein, während unterdessen ihr Mann und der Götti von den Flühen gegen die Basler knallten und ihre Kinder, hastig in finsterer Nacht in den Kanton Solothurn hinüber gerettet, unter freiem Himmel auf einem Bauernwägelein wohnten. Die Basler taten der Großmutter nichts zuleide, bezahlten sogar Speise und Trank, dagegen schossen sie beiläufig hinten auf dem Kegelplatz ein harmloses, blödes Männlein, den Dalang Micheli, durchs Bein, wahrscheinlich unabsichtlich. Den Dalang Micheli legte man dann in der Brauerei aufs Bett, und das Großmütterchen verband und pflegte ihn.
Allmählich versammelten sich dann mehr und mehr die revolutionären Flüchtlinge aus aller Herren Ländern in Göttis Wirtsstube. Übrigens in friedlicher Angelegenheit: als Kostgänger, weil die Großmutter vorzüglich kochte. Einzig mit dem Munde wurde zwischen Fleisch und Gemüse gegen die Fürsten, Pfaffen und Aristokraten gefochten.»

Carl Spitteler: Meine frühesten Erlebnisse. Artemis Verlag, Zürich und München 1947. Kapitel ‹Gutes hinter den Bergen›, ‹Hinter dem Hause› und ‹In der Wirtsstube›, S. 16ff.

Station 2: «Halbwolle, Halbleinen, Halbseide»: Die Tuchhandlung

[‹Pepi› ist Josef Viktor Widmanns Spitzname, Spitteler wird im Hause Widmann ‹Carlo dolce› genannt.]

«Darf ich ins Pfarrhaus?»

«Zum Mittagessen!» Jetzt schon? Noch nicht einmal elf Uhr! Richtig, ich vergaß: am Sonntag speist man ja eine Stunde früher. Warum eigentlich? Ich besinne mich und begreife: am Sonntag kommen sie von den Dörfern nach Liestal ihre Einkäufe machen; und da wir den größten Tuchladen im Kanton haben, und so weiter und so weiter. Wenn es nur nicht etwa heißt, ich solle im Laden helfen. […]

[N]ach der Predigt, bei der Kirchentür, haben sie mich natürlich wieder eingeladen, am Nachmittag zu ihnen ins Pfarrhaus zu kommen. Anna hat sich sogar umgedreht und mir mit dem Finger gedroht: «Wir erwarten dich ganz sicher», und zuletzt noch der Pepi: «Nicht wahr, du kommst doch, gelt?» Als ob das von mir abhinge! […] «Frag den Papa», wird [Mama] mir antworten. Und der, mit seinem Widerwillen gegen das «ungesunde, überspannte Wesen im Pfarrhaus», mit seiner heftigen Abneigung, um nicht zu sagen Haß, gegen den Pepi, «der meinem Sohne den Kopf verdreht, ihn seinen Eltern abspenstig zu machen versucht, ihm einreden möchte, er wäre etwas Besonderes.» […] Wenn ich ihm jetzt mit dem Pfarrhaus käme, so würde ich unfehlbar folgenden Bescheid erhalten: Zunächst, mit einem stechenden Blick ins Unbestimmte: «Weißt du denn wirklich auf der ganzen Welt gar nichts anderes als Sonntag für Sonntag im Pfarrhaus zu sitzen? Darauf, nach einer Pause, ruhig und bestimmt: «Ob just gerade das Pfarrhaus der zuträglichste Ort für dich ist, darüber kann man verschiedener Ansicht sein. […] Oder meinst du vielleicht, zu meinem Vergnügen hätte ich meine Staatsämter aufgegeben, ein Advokaturbureau eröffnet und einen Tuchladen gekauft? Das ist einzig und allein für euch Buben geschehen, für dich und Adolf, um euch eine angemessene Schulbildung zu ermöglichen.» […]

Das Glöcklein der Ladentür klingelt; aha, jetzt fängt es an. Bald meldet mir vielstimmiges Gemurmel, daß das Geschäft im Zug ist, ruhig und sittig, denn unsere Kunden sind eine Art Auslese des Kantons. Ich höre Papas freundlich gedämpfte Donnerstimme, deren bloßer Klang ihm schon alles Volk gewinnt, sich leutselig erkundigen, wie es mit dem Heu stehe und ob die Äpfel gut angesetzt hätten. […] [D]as Alltagsladenmädchen schwatzt, wie ich an den Lippen ablese, ein Duett mit einer Käuferin, beide einander gegenseitig ins Gesicht redend. Das Mannsvolk umsteht müßig den Papa, seinem Vortrag lauschend, das Weibsvolk dagegen zupft mit ernsten Mienen an den Tüchern. […] Indienne, Persienne, Kaschmir, Nanking… Alle Achtung! Diese einfachen Bauersfrauen scheinen mir in der Geographie Asiens über zu sein. Und wie sie in Halbwolle, Halbleinen, Halbseide beschlagen sind! […]

Was schlägt es denn? Drei Uhr! Heiß und kalt überläuft es mich. […] Ich erhasche den Augenblick, wo Papa wieder einmal in die Nebenstube eilt, und dann zu Mama: «Darf ich ins Pfarrhaus?» […] «So geh denn. Ich wills nachher dem Papa selber sagen. Mach nur, daß du um sieben Uhr wieder zu Hause bist.» O Erlösung! So geschwind und so leise wie ein Dieb bin ich durchs Hintertor auf die Straße. […] Der Brunnen, die paar Stufen Freitreppe; ich ziehe die Klingel – wenn nur nicht in der letzten Sekunde noch ein teuflisches Hindernis erfolgt. Hektor, der Pfarrershund, gibt Laut; die Köchin, die Marie, steckt ihren Strubelkopf oben zum Fenster heraus, dann tut sich die Haustür auf, hinter mir wieder zu. Gewonnen! Durch eine Wand vor der gemeinen Wirklichkeit geschützt! O Glück: vor mir vier Stunden Paradies!

Carl Spitteler: Das entscheidende Jahr. Gesammelte Werke, sechster Band: Autobiographische Schriften. Artemis-Verlag, Zürich 1947. Kapitel: «Darf ich ins Pfarrhaus?», S. 179ff.

Station 3: ‹Das Haus Widmann›. Ehemaliges Pfarrhaus

[…] In der sogenannten Hintern Gasse Liestals verborgen, nahe der gleichfalls versteckten Kirche, liegt an einer platzartig erweiterten Ausbuchtung das unscheinbare Pfarrhaus. Mehr noch als anderswo bilden in dem ärmlichen Kanton Baselland, der noch vor zwei Menschenaltern nicht viel mehr bedeutete als ein bäurisches Anhängsel der Stadt Basel, die Pfarrhäuser Inseln innerhalb der heimischen Einwohnerschaft. […]

Die übrigen Pfarrer des Kantons waren doch Schweizer oder hatten wenigstens eine Schweizerin zur Frau […]. Bei den Widmanns dagegen war alles fremd, außerschweizerisch: die österreichische Sprache, der großstädtische Ton, das unbefangene, bei einer Pfarrerfamilie auffallende, weltfröhliche Gebaren, fremd sogar die Kleidung und der Küchenzettel. Auf die nahe liegende Frage, wie die Liestaler Kirchgemeinde dazu kam, sich einen heimatlosen, wildfremden Flüchtling zum Pfarrer auszusuchen, lautet die Antwort: Gerade das, daß er ein fremder, heimatloser Flüchtling war, dient ihm bei den erzrevolutionären Liestalern zur Empfehlung. Liestal steckte immer voll von politischen Flüchtlingen, weil es einladend die Arme nach ihnen ausstreckte und ihnen Schutz, Lebensunterhalt und Heimat anbot. Nicht umsonst steht in Liestal ein Herwegh-Denkmal. Widmann aber empfahl sich den Liestalern noch ganz besonders dadurch, daß er aus einem Mönchskloster entsprungen war. Soeben, wenige Wochen nur früher, als sie sich Widmann zum Pfarrer holten, im Jahre 1845, waren die Liestaler mit blutigen Köpfen aus einem unglücklichen Privatkriegszug gegen Luzern zurückgekehrt, wo sie die Jesuiten hatten vertreiben wollen. Die herrliche Gelegenheit, zum Trost für die Niederlage die Jesuiten durch die Wahl eines ‹Exjesuiten› zu ärgern! […]

Die romanhafte Vorgeschichte des Pfarrers Widmann und seiner Frau ist so oft und so gründlich erzählt worden, daß ich sie nicht wiederholen will. Ersprießlicher scheint mir, mitzuteilen, wie es in dem geheimnisvollen, fast märchenhaften Pfarrhaus Widmann in Liestal zuging und wer alles darin wohnte und waltete.

Da war vor allem der Pfarrer selber. Eine auffallend schöne, stattliche, dekorative Erscheinung; hochgewachsen, aufrecht und schlank, mit einem feinen, regelmäßigen, bildschönen Gesicht. […] Wenn er durch die Straße zog, mit jener angeborenen Leutseligkeit grüßend, die gar nicht weiß, daß man auch anders sein könnte, sah man nicht selten die Leute vor Vergnügen und Stolz über seinen Gruß erröten. […] Musikalisch war er durch und durch. Ohne Musik hielt ers nicht lange aus. «Aber sollen wir denn nicht etwas spielen?» rief er, wenn das Gespräch zu lange dauerte. Er selber vermochte als einstiger Regens chori ein Orchester zu dirigieren, war ein tüchtiger Sänger, ansehnlicher Geiger, leidlicher Cellist, so daß er in Trio und Quartetten seine Noten neben Berufsmusikern zu bewältigen imstande war. Noch weiter als seine ausübende Kunst reichte aber sein Verständnis für Musik.

Dem Pfarrer wie aus dem Gesicht geschnitten, selbstverständlich in verjüngter Ausgabe, war seine Tochter Anna, die Prinzessin Anna, wie neidische Zungen sie tauften. Ein Mädchen von seltener Herzensgüte und Seelenreinheit. Lieblose, scharfe Urteile über einen Nebenmenschen kamen nie aus ihrem Munde, es wäre denn, daß jemand etwas antastete, was ihr heilig war. […]

Die Frau Pfarrer, eine Schülerin Hummels, welche Schubert mehrmals, Beethoven einmal persönlich gesehen und gesprochen hatte, verfügte über ein Klavierspiel, das den Ruf der Genialität genoß und diesen Ruf auch verdiente. […] Leider erlaubte ihr ihre ewige Kränklichkeit – ich habe sie nie anders als leidend gesehen – nur ausnahmsweise die eigene Betätigung am Klavier.

[…]

Und nun der Sohn Joseph oder Pepi, wie ihn die Familie nach Wiener Sprachgebrauch nannte! Das wäre ein so reichhaltiges Kapitel, daß ich es unmöglich hier so beiläufig in Angriff nehmen kann; das verlangte eine besondere, wohlerwogene große Abhandlung für sich, die auch nicht ausbleiben wird, denn Joseph Viktor Widmann gehört der Literaturgeschichte an. […]

Dann war noch eine Schwester der Frau Pfarrer, Fräulein Wimmer, im Hause, eine jener rührenden, bedauernswerten Wesen, deren Hauptberuf im Leben darin besteht, Tante zu sein. Ihr Herz war in Wien geblieben, […] und während die übrigen sich allmählich in der Schweiz heimatlich einlebten, schmachtete Fräulein Wimmer bis an ihr Ende nach der verlassenen Großstadt. Ähnlich die baumlange Köchin Marie, welche die Familie Widmann aus Wien mitgebracht hatte. «Muß ich denn in Liestal verblühen?» pflegte sie zu klagen. Und den verwöhnten wichtigen Pfarrershund Hektor darf ich ja nicht vergessen […].

Außerdem wohnte im Pfarrhause noch ein kleines Trüppchen junger Mädchen als Pensionärinnen […]. Dieses vielstimmige jugendliche Gekicher aus hübschen Mäulchen trug ebenfalls zu der Märchenatmosphäre des Pfarrhauses bei.

Und jeden Sonntagnachmittag öffnete sich das Haus den Gästen. Ja, diese fremde, entwurzelte Flüchtlingsfamilie, an Geldmitteln so arm wie die Kirchenmäuse, verstand es, einzig durch ihre persönlichen Vorzüge und ihre großstädtische Lebensart eine Auslese von nah und fern heranzuziehen, bis über die Kantonsgrenze, sogar über die Schweiz hinaus. Was irgend Namen hatte oder zu haben glaubte: vorüberreisende Künstler, Dichter, Gelehrte und so weiter sprachen im Pfarrhaus Widmann vor. Alle politischen Flüchtlinge, falls sie nur gesellschaftlich möglich waren, fanden gastliche Aufnahme. […] Entdecken und fördern war überhaupt der menschenfreundlichen Familie nicht bloß eine Lust, sondern ein Bedürfnis; wo nichts zu entdecken war, entdeckten sies hinein. In jedem ihrer Gäste fanden und erfanden sie Vorzüge. […] Wie oft habe ich glückpochenden Herzens vor der Tür des Pfarrhauses gestanden, ungeduldig die Sekunden zählend, bis Hektor Laut gab und die Köchin Marie den Aufzug in Bewegung gefingert hatte!

Carl Spitteler: Das Pfarrhaus Widmann in Liestal. Gesammelte Werke, sechster Band: Autobiographische Schriften. Artemis-Verlag, Zürich 1947. S. 305ff.

Station 4: «Du bist mein Prophet»: Die Stadtkirche

Spittelers Tagebuch des ‹entscheidenden Jahres› endet im Mai 1862 mit der Entfremdung von Anna Widmann, die der Siebzehnjährige seit Jahren heimlich verehrt und die seine Zuneigung für kurze Zeit zu erwidern scheint, sich dann jedoch einem jungen Cellisten zuwendet. «Jetzt hatte ich nur noch einen einzigen Gedanken: weg aus diesem unseligen Pfarrhaus, wo man mich so liebhatte und mir doch so wehtat, wo man mir so viel Wärme entgegenbrachte und wo mich doch so entsetzlich fror.»[1]

In der Folge konzentriert sich der Gymnasiast ganz auf sich und die inneren ‹Visionen›, die er bei seinen einsamen Spaziergängen hinauf zum ‹Langen Hag› erfährt. Sein bester Freund Josef Viktor Widmann schreibt ihm (am 7. Juli 1862): «Deine Sache ... ist ja die Philosophie ... Von Dir erwarte ich alle Offenbarung, allen Aufschluß des mir Verborgenen. Du korrigierst meine unrichtigen Ansichten, zeigst mir das Rechte – kurz, Du bist mein Prophet.»[2]

Spitteler selbst erläutert: «Schon vergangenen Herbst hatte ich geplant, meine Lehre von der Seelenwanderung ‹in ein System› zu bringen. Jetzt drängte es mich, überhaupt alles, was ich seit Jahresfrist als Wahrheit glaubte erkannt zu haben, unter einer leitenden Oberidee zu vereinigen und das Ganze der herrschenden Unwahrheit, also dem Kirchenchristentum gegenüberzustellen. Weil ich von jeher aphoristisch dachte, erhielt mein Wahrheits-evangelium naturgemäss die Form von kurzen, knappen Sätzen, die ich Thesen taufte und numerierte. Als die leitende Oberidee erkannte ich meinen Glauben, daß nicht der Mensch einem außerweltlichen Gott gegenüberstehe, dem er Rechenschaft schulde, sondern daß Gott sich im Menschen verkörpert habe, und zwar nicht in Christus allein, sondern in jedem Menschen, und nicht bloß in jedem Menschen, sondern in allem, was Seele hat.»[3]

Thesen ‹Von der Würde des Menschen› (Auswahl)[4]

1. Je gotteigener wir werden, desto glücklicher sind wir.
2. Christus ist ein Mensch, der sich seiner Gottheit bewußt war.
6. Wir sind Gott.
7. Gott bleibt und ist in allem.

11. Wir werden ewig leben, wir sind aber auch von Ewigkeit da.
13. Es gibt ein Weltgedächtnis.
20. Gott folgt denselben Gesetzen wie wir.
27. Es gibt eine Ausatmung und Einatmung Gottes. Gott atmet im Frühling aus, im Winter ein.
51. Die Welt ist ein Gedicht Gottes, ein Kunstwerk Gottes, eine Phantasie Gottes.



[1] Carl Spitteler: Das entscheidende Jahr. Gesammelte Werke, sechster Band: Autobiographische Schriften. Artemis-Verlag, Zürich 1947. Kapitel: «Ein Trugschluß», S. 264.

[2] Nach Werner Stauffacher: Carl Spitteler. Biographie. Artemis Verlag, Zürich und München 1973, S. 87.

[3] Carl Spitteler: Das entscheidende Jahr. Gesammelte Werke, sechster Band: Autobiographische Schriften. Artemis-Verlag, Zürich 1947. Kapitel: «Würde des Menschen», S. 270f.

[4] Ebd., S. 272., und Werner Stauffacher: Carl Spitteler. Biographie. Artemis Verlag, Zürich und München 1973, S.89

 

Station 5: «Das Gebot der Herrin Seele»: Das Spitteler-Denkmal

Zwei Textausschnitte aus Spittelers ‹Prometheus und Epimetheus› (1880).

Szene 1
(Prometheus hat das Ansinnen abgelehnt, seine Seele gegen ein Gewissen einzutauschen, um König zu werden.)

Da stiegen wundersame Farben aus dem Schnee empor, und unter jedem Baum bewegten sich die Gräser, neigten sich zur Seite, wogten heftig hin und her als wie vom Sturm erregt, und gleich als wie gesengt von eines unsichtbaren Feuers Lohe. –
[…] Da plötzlich leuchtet’ es vom Wald wie Sonnenschein und siehe da ein Weib von überirdischer Gestalt in ihrer Gottheit Glanz und in der Schönheit Pracht und Herrlichkeit.
[..] Und jene trat auf ihn herzu und legt ihm grüßend ihre beiden Hände auf die Schultern, neigete ihr Haupt, und Blick in Blick und Aug in Aug versenkend, schaute sie ihn an, und es geschah ob ihrem Schauen starb und auferstand sein Leben, siedete, erstarrte wiederum sein Blut, und all sein Fühlen ward ihr untertan in schrankenloser sinnverlassner Liebe.
Und über eine Zeit des stummen Schauns da öffnete die Göttin ihren Mund, begann und sprach – und seltsam, wie im Zwielicht schimmerte ihr Blick und falsch und rätselhaft gerieten ihre Mienen:
«Prometheus Du mein Freund! Ich hatte Dich gewarnt, da Du mich grüßest auf dem Wiesengrund, am Bache, bei der Blumen Leuchten.
Und hatte Dich gewarnt und hatte Dir gesagt: ein Gott des Frevels bin ich, der Dich abseits führet auf den ungebahnten Pfaden.
Du aber hattest nicht gehört und nun so ist nach meinen Worten Dir geschehn, und also haben sie Dir weggestohlen Deines Namens Ruhm und Deines Lebens Glück um meinetwillen.»
[…] Und es erwiderte und sprach Prometheus heißen Blicks mit Knirschen: «Wohlan, so spricht zu Dir Dein Knecht: In Bande schnüre mich! In Eisen schmiede mich! und feßle mich mit Ketten an das holde Dasein Deines Wesens! […]»
[…] Und über dem, da nahm sie einen Ring von ihrer Hand, betrachtet’ ihn und weiht’ ihn mit Gebet und Zauberspruch und führt’ ihn an ihr Herz und bracht’ ihn segnend an die Lippen.
[…] «[W]ohlan, so hab ich selbst Dich auserwählt, auf daß Du seist mein Bräutigam und bleibest mir verlobt, bis daß ich wiederum gelöst den Ring und Dir bereitet einen Hochzeitstag, da ich mit Wucher Dir erstatte, was um meinetwillen sie Dir heut entwendet. Und dieses biet’ ich zum Entgelt; doch nun vernimm den Segen, unsern Bund zum Angebinde.»

Szene 2
(Prometheus hat um seiner ‹Herrin Seele› willen grausame Prüfungen überstanden und ist darüber alt geworden.)

«Gestrenge Herrin, meine gottgeborne Seele! Der ich willig hingegeben all mein Lebensglück, und Heil und Ruhm und Ehre samt dem redlichen Gewissen hab ich freudig Dir geopfert, auch Entbehrung und Entsagung ohne Klagen täglich eingetauscht, und all die ungezählte Herzensnot und qualenvolle Sehnsucht Stund um Stund und Jahr für Jahr erlitten, segnend Deinen Namen. Aber heute fleh und schrei ich jetzt zu Dir: erbarme Dich! erweiche Dich! Denn sieh es ist zuviel und länger wahrlich kann ich’s nimmer tragen!»
[…] Und während er noch redete, da flog ein schwarzer Schatten durch das monderleuchtete Gemach und eine Stimme tat sich auf, verkündete und sprach mit Heroldsruf vom Fenster:
«Prometheus, lebest Du? und bist Du noch wie ehedem gesinnt? und bist Du auch bereit, daß Du mir folgest?»
Und über dieser Stimme Ton da sprang mit lautem Schrei Prometheus auf und warf sich auf den Boden, schluchzete und sprach mit maßvergessnem Weinen: «Du meine Göttin, benedeiter Stern nach endlos langer Nacht, Du meines Daseins letzter Sinn und Inhalt! Wie wär ich nicht bereit? denn Deiner harr ich Tag um Tag und Stund um Stunde! […]».
[…] Und über diesen Worten trat die Andre auf ihn zu und seine beiden Hände fassend, redete und sprach sie weichen Tons, mit Innigkeit, indem von ihres Herzens mächtigen Gefühlen bebte ihre Stimme:
«Du meines Herzens Freund! mein auserwählter Bräutigam! der treulich Du an mir gehangen all Dein qualenvolles Leben! der Du gläubig hast um mich geworben in der hoffnungslosesten Verzweiflung! […]»
Und also sprechend nahm sie ehrerbietig seine Rechte, führt ihn sanften Zwanges fort mit gnadenvollem Lächeln.


Carl Spitteler: Prometheus und Epimetheus. Eugen Diederichs Verlag, Jena 1911, S. 25ff. und S. 291ff.

Spittelers Erstlingswerk ‹Prometheus und Epimetheus› erschien erstmals 1880, hatte jedoch praktisch keinen Erfolg bei Publikum und Kritik, was den Dichter zutiefst verletzte. Der Prometheus-Stoff war ihm persönlich ausgesprochen wichtig und blieb ihm zeitlebens ein Anliegen: in seinen letzten Lebensjahren arbeitete er das Werk zu ‹Prometheus der Dulder› um, das 1924 wenige Tage vor seinem Tod erschien.

Station 6: «Gib ihnen unsern Palast zum Bombardieren!» Das Regierungsgebäude (Rathausstr. 2)

Textausschnitte aus: Das Bombardement von Åbo
Erzählung nach einem historischen Vorgang der Neuzeit

Während des Krimkrieges, als die englischen Kriegsschiffe den Finnischen und den Bottnischen Meerbusen unsicher machten, wurde dem Gouverneur von Åbo, General Baraban Barabanowitsch Stupjenkin, eine russische Besatzung geliehen […]. Der Dienst, nachdem einmal die Küstenwachen eingerichtet waren, ließ vollauf Zeit zu der jedem Russen unentbehrlichen Langeweile, welche bekanntlich vom Schöpfer ausdrücklich zu dem Zweck geschaffen wurde, damit man sie durch Kartenspiel vertreiben könne. So gestaltete sich das Societätshüß, dieses unvermeidliche Grandhotel aller finnischen Städte, allmählich zum Generalquartier der russischen Besatzung, wo sich außer den Offizieren auch der Gouverneur mit seiner Frau einfand, die schon seit fünf Jahren Tag für Tag das erbärmliche Nest nach allen erdenklichen Gegenden Sibiriens verwünschten, denn in Sibirien ist man wenigstens seiner Whistpartie sicher. Außerdem die wenigen russischen Schreiber und Zivilbeamten, welche sich in dieser Wüstenei auftreiben ließen. Hier wurde dann, «um die goldene Zeit nicht zu verlieren», wie sich der Gouverneur witzig ausdrückte, im Gesellschaftssaal von mittags ein Uhr bis abends spät Karten gespielt, auch nicht übel getrunken, sogar schwedischer Punsch, auf welchen sich die Abneigung der Russen gegen Schweden und Engländer nicht ausdehnte, und während des Kartenmischens politisiert, das heißt auf die Groß- und Kleinmächte Europas weidlich geschimpft und auf die kaiserliche Regierung von Petersburg gestichelt. Die Gouverneurin ließ sich in den Pausen, oder wenn sie wenig Trümpfe in der Hand hatte, von den jüngern Offizieren den Hof machen, und der Gouverneur kümmerte sich darum «wie um das Jahr vierzig».

[…] So standen die Dinge, als eines Morgens, eben als der Markt sich füllte, ein Kosak von der Küstenwache mit vorgebeugtem Oberkörper über das Pflaster sprengte. «Birigis-jah!» schrie er aus vollem Halse, da die Hufe des kleinen, leichtsinnigen Tierchens nur einen gedämpften Ton erweckten, welcher in dem allgemeinen Geschwätz verhallte. «Was gibt's?» fragte ihn einige Soldaten. «Bumbardirovka», lautete die kurze, flüchtige Antwort, darauf war er schon über die Brücke. Das Wort ging von Munde zu Munde: «Bumbardirovka», und «Bumbardirowanje» riefen die Soldaten einander zu, und die intelligentern unter den Finnen, welche zwar nicht die Endungen, wohl aber das «Bum» begriffen, übersetzten «Pummi» und «Tulipummi».

[…] In diesem Augenblick erschien ein Kosak unter der Tür, welche nach russischer Sitte offenstand. «Zum Teufel!» schrie ihn der Gouverneur an, sobald er ihn erblickte. «Ich gehorche», erwiderte der Kosak höflich, blieb indessen stehen. «Zum Teufel! – Verstehst du mich nicht?» «Ich gehorche. Aber verzeihen Sie, Exzellenz, Balvan Balvanowitsch schickt mich zu Ihnen. Es seien keine Gewehre in der Kaserne.» «Der Halunke wird sie verkauft haben; schicke ihn zum Teufel!» «Ich gehorche, Exzellenz; allein wir können keine Kugeln finden.» «So ladet Butter und Salzgurken.» «Ich gehorche. Allein verzeihen Sie, Exzellenz, wir haben nur noch ganz wenig Pulver.» «Was geht mich das alles an? Das ist die Sache des Majors. Pack dich! Gehorchst du?» «Ich gehorche.»

[...] Der Gouverneur aber ging, den Parlamentär zu empfangen. «Weißt du, Pelegeja Iwanowna, was der Kerl will?» rief er seiner Gemahlin zornig entgegen, als er nach einer halben Stunde wieder erschien. «Wir sollen ein Haus zum Bombardement auswählen!» «Entweder ist er verrückt, oder er stellt dir eine Falle. Wie sollten sie auch das Haus aus der Ferne erkennen?» «An einer roten Fahne, die er uns da aufstecken heißt. Ich glaube, es ist ihm ernst mit der Sache: du weißt ja, den Engländern kann man das Verrückteste am ehesten glauben.»

Nachdem sie noch eine Weile über die Engländer gespottet, erhellte sich plötzlich das Gesicht der Gouverneurin.

«Mir kommt ein Gedanke: laß ihn die lutherische Kirche bombardieren, das wäre zugleich ein nützliches und ein Gott wohlgefälliges Werk.» «Das ist ein Gedanke.» Nach einer Weile aber kam der General mit dem Bescheid zurück: «Sie weigern sich, auf eine Kirche zu schießen, die Heuchler!» «Weißt du was, mein Täuberich, gib ihnen unsern Palast zum Bombardieren! Der Staat wird uns entschädigen, daß wir nichts dabei verlieren. Denn was man auch im übrigen der Regierung vorwerfen kann, das muß man ihr lassen, daß sie großmütig zahlt. Zum Ausziehen bleibt uns Frist genug.»

Carl Spitteler: Das Bombardement von Åbo. Erzählung nach einem historischen Vorgang der Neuzeit. Gesammelte Werke, fünfter Band: Kleinere Erzählungen. Artemis-Verlag, Zürich 1945. S. 269–328.

 

Station 7: «Dichter und Pharisäer»: Das Dichter- und Stadtmuseum (Rathausstr. 30)

Ausschnitte aus ‹Dichter und Pharisäer›

(Spittelers Einstellung zu Frauen ist im Gegensatz zu den progressiven Idealen seines besten Freundes Josef Viktor Widmann ganz den Konventionen seiner Zeit verpflichtet und kann heute empörend wirken.)

Man mag es drehen, behandeln und benennen wie man will, es kommt doch schließlich auch in der Kunst und Poesie auf den Glauben oder Unglauben hinaus. Glauben bedeutet auf diesem Gebiete die Überzeugung von einem ewig gegenwärtigen und werkkräftigen Geiste des Schönen; Unglauben die Meinung, jener Geist marschiere getrennt von der jeweiligen Gegenwart, um in der Entfernung von mindestens einem Menschenalter zu biwakieren.

[...] Gläubige im höchsten Grade sind natürlich diejenigen, deren ganze Tätigkeit den Glauben als Triebkraft voraussetzt: die schöpferischen Menschen, die Urkünstler, die Meister. [...] Doch nicht allein zur Erzeugung des Schönen, sondern ebenfalls zu seiner Annahme bedarf es des Glaubens [...]. Auch nach dieser Richtung stehen die Künstler wiederum weit den übrigen voran, denn sie sind nicht bloß Schöpfer und Instrument zusammen, sondern zugleich Resonanzboden.

[...] Jenseits der Künstler sind noch zwei Klassen von Gläubigen zu verzeichnen, oder genauer gesagt: Eine Klasse und ein Zustand. Die Klasse besteht aus der Auslese der Frauen. Die berühmte vorurteilslose Empfänglichkeit der Frau für das Schöne jeder Art, jeder Form und jeden Namens ist Natur, gehört zum Wesen; in ausgezeichneten Persönlichkeiten offenbart sie sich sogar als ein sehnsüchtiges Bedürfnis, als ein Durst. [...] Das weibliche Urteil beruht wie das künstlerische auf dem Instinkt, was von allen Grundlagen stets die köstlichste bleiben wird, weil sich der Instinkt nicht beeinflussen läßt; doch ist der Instinkt des weiblichen Urteils auf das «Schöne» im engeren Sinne beschränkt; zur Unterscheidung des Nachempfundenen vom Ursprünglichen, des Anspruchsvollen vom Großen taugt er wenig. [...]

Der Zustand ist jene wundersame Lazur, welche einige Jahre lang selbst die Seelen von gemeinem Schrot mir einem duftigen Hauch verklärt: die Jugend. Freilich nur die männliche Jugend, da die weibliche mit dem Modellstehen für die Phantasie und mit der Heiratsfähigkeit anderweitig beschäftigt ist; die männliche aber bis ins zarteste Knabenalter. Das Wechselspiel zwischen begeistertem Empfangen und schöpferischem Ahnen, zwischen bescheidener Bewunderung und keckem Selbstgefühl verleiht dem Pubertätsidealismus seinen Reiz und seinen Wert; die gewaltige Zahl der Teilnehmer und der stürmische Charakter der Überzeugungsäußerungen seine Macht. Die Ankunft neuer Jünglingsregimenter bedeutet stets eine Unterstützung des Künstlers, eine Vermehrung der Pietät für das Schöpferische, eine Verstärkung des Ruhmes für unvergängliche Werte.

[...] Was sagt hierzu der Künstler und Dichter? Nun, der geht seiner Wege und tut seine Wunder und Werke. [Die Nachwelt gibt ihm recht], weil sie den Dichtern so unendlich viel und ihren Gegnern so unendlich wenig verdankt, weil ferner jene so überaus liebenswürdig, und diese es so ganz und gar nicht sind.

Carl Spitteler: Dichter und Pharisäer. Gesammelte Werke, siebenter Band: Ästhetische Schriften. Lachende Wahrheiten in erweiterter Folge. Artemis-Verlag, Zürich 1947. S. 584–593.

 

Station 8: «Ein stattlich Ratsgebäu»: Das Liestaler Rathaus (Rathausstr. 26)

Ausschnitte aus: ‹Olympischer Frühling›.
Vierter Teil: Der hohen Zeit Ende
Erster Gesang. Aphrodite

(Die vorwitzige Göttin Aphrodite ist verbotenerweise auf dem Weg ins Menschenland
und trifft auf Pan:)

 «Schön guten Morgen! Prächtiges Wetter heute!» flog
Ihr Anruf: «Doch Verzeihung, Meister, eine Frage:
Ist dies der richtige Fußweg nach der Erde? Sage!»
Mit klugen Augen schaute Pan ihr ins Gesicht
Und blinzelte ein wenig. Antwort gab er nicht.
Indes das Einhorn, während es vorübertrappte,
Nach hinten schielte und mit beiden Ohren knappte.

(Bei ihren ersten Begegnungen mit Menschen richtet sie bereits grosses Chaos an und muss vor einer erbosten Menge flüchten:)

[…] Inzwischen flüchtete die Schönin querfeldein
Bis an die Ackerrampe überm Wiesenrain.
Dicht unter ihr, behaglich in ein Tal gebettet,
Lagert ein harmlos Städtlein hügelkranzumkettet.
Ein Fluß schlang seinen Silberarm im Kreise krumm
Unter zwei Brücken um das Städtchen halb herum,
Indes am Himmel hoch, als einzige Wolke
Im glastdurchgleißten Blau, von weißem Taubenvolke
Ein Schwarm vorüberflog, vom Saatfeld kehrend wieder,
Und auf die Dächer streuten sie ihr Schneegefieder.
Lüstern beschaute sie den heimatlichen Frieden.
«Wär nur dies eine noch, dies letzte mir beschieden:
Daß ich hinab in dieses kleine Städtchen dürfte,
Mit meinem Blick der Menschen Neuigkeiten schlürfte!»

(Auf der Flucht vor den Menschen gelangt sie schliesslich zum Rathaus:)

Also von Gang zu Gang, durch Gäßlein und durch Gassen
Kam sie in eine ernste Straße weltverlassen.
Kein fragend Auge hier, und die Verfolger ferne.
Sie späht umher. Ihr schien, ein Späßlein tät sie gerne;
Kaum die Gefahr vorüber, kam der Mutwill neu.
Sieh da: auf ihrem Weg ein stattlich Ratsgebäu.
Im Rathaus träumt ein Hof, darin ein Brunnen loff,
Des Wasserguß in ein geräumig Becken troff.
Von nackten Marmornymphen ein bequemes Rudel
Lag auf dem Rand, Trinkschalen reichend nach dem Sprudel,
Indessen auf den leisen Plätscherwasserfall
Ringsum gewölbte Säulengänge überall
Und luftige Labyrinthe freier Treppenstiegen

In farbigem Halblicht feierlich herunterschwiegen.
Drei scharfe, schnelle Diebesblicke schickte scheu
Die Schönin in den Hof und aufwärts ins Gebäu.
Dann flink durchs Gittertor, in eine schattige Ecke
Der Flur. Dort, hinter einem Pfeiler im Verstecke
Geschwind entkleidet und entschuht, auch ordentlich
Die Kleider und die Schuh geborgen, schwang sie sich
Auftänzelnd in die Nymphengruppe liegend ein,
Bewegungslos, als wäre sie von Marmelstein.
[…] Und als nach einer Weile nun die Ratsgenossen
Sich plaudernd von den Treppen in den Hof ergossen,
Da hemmten sie verdutzt den Wandel: «Sieh doch! Sieh
Dort eine neue Nymphe! Ei, woher kommt die?»
«Wißt ihr», begann der Schultheiß, «wißt ihr, was ich denk?
Das ist von Gönnerhand ein ungenannt Geschenk.»
Worauf er weidlich den geheimen Schenker pries,
Den Wert der Gabe und des Werkes Witz bewies,
Und wie das Heiligste im Weltenwunderbau,
Auch in der Bildkunst wäre die Gestalt der Frau,
Wenn ohne fremde Zutat, ohne Schmuck und Schminke,
Sie aus des Schöpfers Hand in keuscher Nacktheit blinke.
Beifall belobt ihn: «Wer hier etwas andres täte
Als Andacht spüren und Erhebung zum Gebete,
Der gäb uns seines Herzens Lieblingsstandpunkt kund:
Das heißt im Stall, mit einem Schwein im Hintergrund.»
Inzwischen stieg von oben eine Minderschar,
Die schon von ferne nicht derselben Ansicht war.
Die Nase rümpfend, traten hämisch sie herum
Und steckten sich zum Kunstgericht zusammen: «Hum!
Der Ausdruck ist nicht allzuschlimm, zu leblos nur.»
«Der Arm sitzt falsch.» «Dies Bein läuft wider die Natur.»
«Mir ists zu regelmäßig, zu geleckt, zu glatt»,
Brummt einer, der am Buckel einen Höcker hat.
Ein Schläuling aber, den der feine Philipp schupfte,
Netzte den Finger, kam mit seiner Hand und tupfte,
Ob nicht der Marmor etwa sei gemeiner Gips,
Der Göttin auf das Rückgrat einen Kennertips.
Bis daß das Lachen, das ihr durch die Nüstern schnob,
Sie länger nicht verhielt und jubelnd sich erhob.

Darob Entrüstung und Verwirrung. «Ui, Betrug!
Sie lebt!» «Pfui Scham!» «Ich finde Worte nicht genug!»
«Was tust du, Schandweib, hier? Wo kommst du hergetrottet?
In einem Aufzug, welcher Zucht und Anstand spottet?»
Und mächtig rief des Schulzen Tugendwehgeschrei
Nach Hemden und nach Hosen, Stock und Polizei.
Doch wie sie leichten Satzes nun zu Boden sprang
Und hoch, in ihrer ganzen Göttergröße lang,
Geschritten kam in fürstlichem Titanengang,
Jeder Bewegungszug ein schweigender Gesang,
Als Bote vor ihr her ein Strahlenschimmertanz,
Als ob du schütteltest Kristall im Sonnenglanz,
Erkannten schauernd sie nach diesen Adelsproben
Das Götterblut: «'s ist eine vom Olymp dort oben!»
Und staunend beugten sie ein schuldbewußtes Knie.

Carl Spitteler: OIympischer Frühling. Gesammelte Werke, zweiter Band, Artemis-Verlag, Zürich 1945. S. 471f., S. 476f. und S. 479ff.